Kernfusion - so funktionierts
Ich hatte im alten Forum ja mal einen Thread dazu angefangen. Dann lag der lange rum. Und heut stöber ich so die Dateien auf meinem Rechner durch und siehe da: ich hab mir da Sicherheitskopien von gemacht. Also vom Text. Das ist schön, denn nun kann ich das Gerettete hier mal wieder reinstellen, falls es jemand interessiert.
Das Ganze kam glaub ich so zu Stande, dass wir die Forumsaktivität ankurbeln wollten und man mal was schreiben sollte, falls man beruflich oder sonst was Interessantes macht. Ich arbeite nun nicht an der Fusion. Aber mein Fachbereich Niedertemperaturplasmaphysik ist ziemlich dicht dran. Und hier in Greifswald gibt ja auch einen Fusionsreaktor im Bau. Und da hab ich mir gedacht: Das Thema ist immer mal wieder aktuell, du weißt ein bisschen da drüber, also schreibste was dazu.
Hier nun erst mal die geretteten Posts von "dermaleinst". Falls ihr was nicht versteht, aber gerne würdet, fragt einfach nach.
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Wie kriegt man nun die extrem heiße Materie, die bei diesen Temperaturen als Plasma vorliegt, vernünftig eingefangen?
Vielleicht kennt ihr aus der Schule noch die Lorentz-kraft. Sie bewirkt, dass ein geladenes Teilchen sich nicht von dem magnetischen Feld lösen kann, sondern immer eine Spiralbewegung um die Magnetfeldlinie herum durchführt. Diese Spiralbewegung nennt man Gyration und das sieht so aus:
http://www.ipf.uni-stuttgart.de/lehr...a1/lorentz.gif
http://www.ipf.uni-stuttgart.de/lehr...1/lorentz2.gif
http://www.leifiphysik.de/web_ph09_g...n/gyration.gif
Die Elektronen kreisen andersrum als die Ionen wegen der Entgegengesetzten Ladung. Der Kreiselradius der negativ geladenen Elektronen müsste auch noch viel kleiner sein, weil die ne kleinere Masse haben als die Ionen, aber gleiche Ladung. Das Magnetfeld beeinflusst jedoch nur die Bewegungsrichtung Senkrecht zu den Feldlinien, nicht parallel zu den Linien.
Man muss also die Magnetfeldlinien irgendwie wieder in sich selber überführen, damit die Ionen und Eletronen immer schön an den Magnetfeldlinien lang sausen und ja nicht irgendwo auf eine Wand treffen. Und da bleibt dann als Form für das Magnetfeld nur der Torus (wie ein Schwimmring oder Donut) übrig.
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Weiter gehts. Wir haben also eine Drift nach außen. Unsere geladenen Teilchen, die eigentlich schön fusionieren sollen, sind in Sekundenschnelle an der Außenwand. Das wollen wir ändern. Und dazu muss man das Magnetfeld verändern. Das darf nicht einfach ganz normal um den Torus rumgehen, sondern muss modifiziert werden.
Und zwar, in dem man eine Spiralkomponente mit dazugibt. Zu sehen ist das in diesem Bildchen hier:
Anhang 10216
Erst mal kann ich ja die neuen Begriffe erklären. Die Toroidale Richtung ist einfach die Richtung, die um den Ring rumgeht. Dieses Magnetfeld hatten wir schon. Jetzt kommt eine neue Richtung dazu, die Poloidale Richtung. Sie wenn man den Querschnitt betrachtet um den Körper rum. Ist schwierig zu erklären, im Bild wird denk ich klar was gemeint ist. Diese Richtungsangaben werd ich vielleicht später noch mal ausgraben. Jedenfalls kommt jetzt eine Poloidale Magnetfeldkomponente dazu. Beide Komponenten überlagern sich und das gibt ein Spiralförmiges Magnetfeld. Man spricht auch vom Helikalen Magnetfeld. Das Wort Helikal kommt von Helix, was von der DNS, die oft als Doppelhelix bezeichnet wird, bekannt sein könnte und bedeutet einfach Spirale.
Und wie hilft die jetzt dabei, die Ionen drinne zu halten? Ganz einfach. Die fliegen ja immer an den Magnetfeldlinien lang, sind sozusagen an sie gebunden Nur dass sie halt langsam nach außen wegdriften, diese Driftbewegung ist aber langsamer als z.B. eine Rotation um den Torus rum.
Wenn jetzt die Teilchen auf der Außenseite sind, fliegen sie nach außen weg. Durch das Spiralförmige Magnetfeld werden sie aber an die Innenseite des Torus gebracht. Hier fliegen sie jetzt zwar auch wieder nach außen, aber das bringt sie wieder zurück ins Zentrum des Querschnitts.
Soweit die Theorie. Jetzt steht man aber vor dem nächsten Problem: Wie realisiert man so ein helikales Magnetfeld? Das ist nämlich nicht so einfach. Es gibt 2 Hauptherangehensweisen an dieses Problem.
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Dann schreib ich mal weiter:
Wie kriegt man nun ein torusförmiges, helikales Magnetfeld?
Es gibt in der Forschung 2 Arten, wie dies realisiert wird wir beginnen mit Möglichkeit 1:
Der Tokamak
Dazu verändert man an den Spulen, die ein Torusförmiges Magnetfeld erschaffen, erst mal gar nichts. Die Poloidalkomponente des Magnetfeldes soll von einem Strom herkommen, den das Plasma selber erzeugt. Es muss ein Strom um den Torus herum fließen, dieser erzeugt dann per Induktion ein poloidales Magnetfeld. Zusammen mit dem ursprünglichen Magnetfeld ergibt das dann das gewünschte helikale.
Das ist in der Abbildung hier zu sehen (die wir weiter oben schon mal hatten):
Anhang 10245
Ganz oben haben wir in blau die Hauptspulen für das toroidale Magnetfeld. In der Mitte kommt nun der Strom im Plasma dazu (roter Pfeil) und das davon induzierte poloidale Feld. Im dritten Bild ist dann resultierende helikale Magnetfeld gezeigt.
So weit, so gut, aber: Wie kriegt man das Plasma dazu, dass dadrin ein Strom fließt? Man hat zwar viele freie bewegliche Ladungsträger in einem Plasma (die ganzen Elektronen und Ionen, aus denen das besteht) aber die gewegen sich von alleine eher zufällig. Und man kann ja nicht einfach irgendwelche Klemmen da rein halten. Die Lösung ist wieder: Induktion.
Man legt jetzt zusätzlich von außen ein elektrisches Feld an, dass sich aber ändert. Ein sich änderndes elektrisches Feld führt zu einem Strom bei frei beweglichen Ladungsträgern (genau das nutzt jedes Kraftwerk mit dem Generator aus - oder auch ein Fahrraddynamo). Dazu braucht man nun noch extra Spulen. Man kann sich das so ähnlich wie ein Transformator vorstellen. Im nächsten Bild sind diese zusätzlichen Spulen eingezeichnet:
Anhang 10246
Und zwar die grünen und das weiß-rosane in der Mitte.
Problem: Das E-Feld muss sich ändern. In einem Trafo oder Dynamo ist das kein Problem, denn hier wird Wechselstrom erzeugt oder mit Wechselstrom gearbeitet. Wir wollen in dem Plasma aber keinen Wechselstrom, sondern Gleichstrom. Der soll die ganze Zeit in die gleiche Richtung fließen. Lösung: Der Strom in den Trafospulen muss einfach immer größer werden. So lange er das mit konstantem Zuwachs tut, wird in Plasma ein Gleichstrom erzeugt - und genau das wollen wir. Nun ist aber dem Anwachsen des Stromes eine Grenze gesetzt. Unendlich groß kann man ihn nicht werden lassen, also muss irgendwann der Plasmastrom zusammenbrechen und damit auch die Poloidalkomponente unseres Magnetfeldes. Und genau dann hört auch der Einschluss des Plasmas auf. Es trifft auf den Rand und geht aus.
Wenn der Reaktor aber groß genug ist, kann man den Trafo-Strom aber recht lange immer höher treiben. Mittlerweile sind da anscheinend Zeiten bis zu 15 min möglich.
Tokamaks (das Wort ist ein russisches Akronym) gibts es ne ganze Menge. Der jetzt gebaute Fusionsreaktor in Frankreich, ITER ist einer. In Deutschland gibts auch ein paar: Im Forschungzentzrum Jülich steht TEXTOR, in Garching steht ASDEX Upgrade. In England gibts noch das Experiment JET, was vor ITER das größte war, mit den längsten Einschlusszeiten.
Denn obwohl der Tokamak nur einen gepulsten Betrieb zulassen würde, hat er gegenüber der Alternative einen entscheidenden Vorteil: Er funktioniert besser. Jedenfalls bisher. :D
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Möglichkeit Nummer 2:
Wir bauen die Magnetfeldspulen einfach ein bisschen anders - komplizierter halt, sodass da von vornherein ein helikales Magnetfeld bei rauskommt.
Der Stellarator
Wie gesagt, man baut die Spulen also gleich so, dass das Feld helikal ist. Dann kann man sich die ganze Geschichte mit dem Strom im Plasma sparen... - so die Idee. Die ersten Versuche sahen so aus: (Das Bild kennt ihr auch schon von oben.)
http://spielersofa.de/attachment.php?attachmentid=10216
Man baute einfach zu den toroidalen Hauptfeldspulen zusätzliche Spulen, die sie spiralartig um den Torus herumwinden. Im Bild heißen sie Helikale Windung. Problem: Das funktioniert nicht. Das Plasma bricht einfach sehr schnell aus. Deswegen wurde in den 60ern bis 90ern der Tokamak bevorzugt.
Man fand später raus, worans liegt: minimale Ungenauigkeiten in der Anfertigung, im Einbau und auch, dass da nur 4 helikale Windungen eingebaut sind, verschlechtern den Einschluss. Das einschließende Magnetfeld hat sozusagen Löcher. Ok, dann baut man das eben so, dass da keine Löcher drin sind - das ist aber nicht so einfach. Man muss viel berechnen, simulieren, neues Experiment bauen, wieder Löcher finden, wieder berechnen simulieren....
Nach 10 Jahren Rechenzeit mit nem CRAY-Rechner (Aussage meines Hochtemperaturplasmaphysik-Profs) kam dann das hier raus:
Anhang 10265
Das Blaue sind die Spulen, das Gelbe das entstehende Magnetfeld. Man baut die Hauptspulen so, dass das Feld gleich vernünftig wird. Hierbei muss mit ner Präzision im µm-Bereich gearbeitet werden, damit das später funktioniert - sowohl bei der Berechnung als auch bei Anfertigung und Einbau der Spulen.
Wir Greifswalder hoffen natürlich, dass der Stellarator besser funktioniert als der Tokamak, denn hier wird ja grade Wendelstein 7X gebaut. Ein Vorteil wäre schon mal, dass der prinzipiell im Dauerbetrieb laufen könnte. In Garching gibts auch noch nen Stellarator, Wendelstein_7-AS den Vorläufer vom Wendelstein 7X. Die Japaner haben auch ein größeres Experiment, die Amis und Briten auch was. Der Tokamak ist zur Zeit halt prestigeträchtiger.
So viel zu den prinzipiellen Reaktoren. Demnächst kommt ein bisschen was zum "Drumrum"