11.6. Abseits: "Warum?"
Fàbregas stolpert weiter in den Strafraum und passt stürzend halbrechts zu Iniesta, kurz und flach, und Iniesta will gerade aus vollem Lauf abziehen, als plötzlich das Kind sich ins Bild schiebt, seinen Finger auf den Bildschirm legt und fragt: "Papa, warum knistert das?" Vierjährige Mädchen gehören zu den wenigen Menschen, die in keine einzige der vorgesehenen Zielgruppen passen. Vierjährige Mädchen, man muss es so hart sagen, geht Fußball nichts an. Geh weg.
Iniesta hat nicht getroffen, Eckball. Alonso legt ihn sich zurecht, läuft an: "Warum schreit der Mann? Hat der sich wehgetan?" Nein, der ist wütend. "Warum ist der wütend, Papa?" Schatz. Wütend wird man, wenn man nicht bekommt, was man will. Ich will übrigens, dass du jetzt ins Bett gehst. "Papa, warum weint der?" Wer? Was? Nein, der weint nicht. Der ist hingefallen, und jetzt tut's ihm weh. "Ist der getreten worden?" Ja, der ist umgetreten worden. Das nennt man Foul. Der ist gefoult worden. "Von wem ist der gefault worden? Von dem Griechen?" Griechen? "Du hast gesagt, die Blauen sind die Griechen." Ach, das waren vorgestern die Griechen. Jetzt sind die Blauen die Italiener. "Haben die Griechen den Italaniern ihre Hemden geschenkt? Oder nur ausgeliehen?" Das heißt Italiener, und die haben ihre eigenen Hemden. Findest du die schick? "Ja, warum müssen die blau sein?" Die müssen nicht blau sein, die wollen das so. Der Gelbe ist übrigens der Schiedsrichter. Pfeift mit einer Pfeife und kann Spieler in ihr Zimmer schicken. Da müssen die dann drinbleiben. "Ist das der Bestimmer?" Das muss der Bestimmer sein. Ich bin's offenbar nicht, denn so geht das die ganze erste Halbzeit.
Bleiben Sie dran, denn so geht die zweite Halbzeit: "Wer sind die Roten?" Spanier. Aus Spanien. "Die sind aber nur zu Besuch, oder?" So ähnlich. "Ich will, dass die Spanier gewinnen, weil da ist es warm, da konnten wir den ganzen Tag barfuß herumlaufen … Papa, warum haben die Schuhe an? Warum rennen die so schnell? Die kriegen doch einen Seitenstich!" Die wollen gewinnen. Tore schießen. Kennst du doch von den Jungs im Kindergarten, oder? "Ja, die rufen immer so TOOOOOOOOOR!" Siehst du! Sag doch mal, dass du mitspielen willst! "Ich will aber nicht mitspielen. Ich bin lieber Zuschauer, da kann man so rumgucken und kriegt keinen Seitenstich".
Hör auf zu zappeln, wir wollen uns doch auf das Spiel konzentrieren. "Warum? Wir spielen doch nicht mit! Wir sind nur die Zuschauer. Ist das da auch ein Zuschauer? Warum hat der eine Fahne auf der Backe?" Das ist die Fahne von seinem Land. "Wieviele sind das? Warte, ich zähl mal! Eins, zwei, drei, vier, fünf, nee … warte, nochmal von vorn! Eins …" Ächz. "Papa, warum spielen die nur mit einem Ball? Wenn die mehr Bälle hätten, müssten die sich nicht immer so schubsen! Was macht der?" Einen Einwurf. "Warum kein Zweiwurf?"
TOOOOOOOOOR! "Papa, warum schreist du so! Du hast mich erschreckt!" Schatz, die Italiensier haben ein Tor geschossen! Kind erstarrt, zieht Flunsch. Erst zucken die Schultern, dann bebt der Körper, Schluchzen, Schleusen auf. Himmel! Was ist denn los? "Ich will aber …. dass die Spaaaanier gewinnen!" Ach Gottchen, schau, die schießen bestimmt gleich noch ein Tor. "Wirklich?" Wirklich. Schluchz. Und wirklich, keine vier Minuten später schlenzt Silva zu Fàbregas, der verlängert gegen die Laufrichtung von Buffon, uuuund: "Tor", sagt das vierjährige Mädchen zufrieden, als hätte ich soeben ein Versprechen gehalten. "Und jetzt will ich Seilspringen. Kommst du mit? Wir können das Spiel solange ausmachen."
Und dann haben wir das Spiel ausgemacht. Wir können es ja jederzeit wieder anmachen.
Arno Frank