Kein Hahn, doch Vogelsang (und Vogler, klar)
Scheinbar ging eine Diskussion über die Höhe der Ablöse für André Hahn durch die Medien, doch da wieder Tage vergingen, möchte ich mich auf die Gegenwart konzentrieren, die nun einmal so aussieht: Ein Grund, warum André Hahn so erstrahlte, war der Tatsache geschuldet, dass er nicht ersetzt werden konnte. Immerhin kam Neuzungang Marcel Avdic noch nicht in der Mannschaft an, Lars Bender wird die Saison sicher auch bald vergessen wollen (zwar kann er viele Positionen spielen, doch schaffte er es in der Saison nicht, sich als Stmmplatz für auch nur eine zu empfehlen), Matthias Schwarz ist eher Defensivspieler und Jannik Sommer wurde bekanntlich frisch ausgemustert. Bleibt also eine Problemstelle auf der linken Außenbahn, die bislang nur Stürmer Fabian Bäcker halbwegs lindern konnte (Ich hatte jedoch den Eindruck, dass er nicht gut mit Stefan Vogler harmoniert, da beide als Spielertyp identisch sind und keinen Mehrwert erzeugen). Ich nehme an, dies wird erst einmal sein neues Heim auf dem Spielfeld werden - zumindest, bis Kai Hesse wieder Spielpraxis sammeln konnte.
Offenbach besitzt auch einen neuen Spieler: Theo Vogelsang kam (nach zwei Testspieleinsätzen nicht überraschend) von Twente Enschede, ein Offensiver Mittelfeldspieler mit frischen Zweieinhalbjahresvertrag, dem jedoch (auch das wurde in den Testspielen offensichtlich) noch Spielpraxis fehlt, kam er doch nur in deren zweiter Mannschaft zum Einsatz. Wie man sieht, wird hier auch perspektivisch gedacht - immerhin ist er damit der Spieler mit dem längsten Vertrag, wer hätte es gedacht?
Das Testspiel gegen Worms wurde (ich hatte es andernorts erwähnt) mit 2:0 gewonnen, nun sind alle Blicke auf Bielefeld am Samstag gerichtet. Die Aufstellung werde ich mit Spannung erwarten, das Ergebnis natürlich auch.
"Warum seid ihr so schlecht?"
Dienstag gab es das Nachholspiel gegen Stuttgart und getreu dem Motto: "Hast du Scheiße am Schuh, hast du Scheiße am Schuh!" verloren es die Kickers unglücklich mit 1:0. Nebenher fiel ein Rasen ins Gewicht, der aus Schnee und Schlamm bestand, ein zumindest zweifelhafter Handelfmeter, der zum Tor führte, und schließlich eine mindestens ebenso zweifelhafte gelb-rote Karte. Damit war man dann bedient.
Am Mittwoch wurden Arie van Lent und Co-Trainer Manfred Binz beurlaubt. Der Grund war sichtbar: Erfolglosigkeit. Vier (!) Punkte aus den letzten neun (!) Ligaspielen zeichnen eine erschreckende Bilanz. Das ist nicht nur Absteiger, das ist Fürth.
Am Mittwochabend fand dann zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt der Spielerstammtisch statt - Fragen über den alten Trainer wurden hinfällig, von einem neuen wusste man noch nichts, erst einmal übernimmt der A-Jugend-Trainer Michael Hartmann das Ruder, doch wird er es in spätestens zwei Wochen wieder abgeben müssen, da ihm der notwenige Trainerschein fehlt. Tja...
Bei den Spieler-Stammtischen handelt es sich wohl um eine monatlich wiederkehrende Institution, die allerdings bislang an mir vorbeiging, bis mich nun ein Aushang im Stadion lockte (ich bin nicht in Facebook, scheinbar wird es hauptsächlich da kommuniziert). Drei Spieler wurden angekündigt, Marc Stein, Julius Reinhardt und "ein Überraschungsgast"... worauf ich schmunzeln musste. "Das wird eine Überraschung" ist schließlich nichts als eine schöne Art, zu sagen: "Das weiß ich selbst noch nicht." (Damit sollte ich recht behalten und später den Grund erfahren: Eigentlich war die Teilnahme André Hahns angedacht, doch der hatte ja die Siebenmeilenstiefel für sich entdeckt.)
Der Ort: Glauburg-Stockheim, ein Örtchen im Nirgendwo zwischen Frankfurt und Fulda, ein Nest ohne Straßenschilder (und lustigerweise kannte ich vom Ziel nur den Straßennamen, aber keine Hausnummer), genauer: eine Pizzeria mit Eintracht-Wimpel an der Wand und ausliegenden Eintracht-Stadionheften. Organisator war ein dortiger Fanclub, die Teilnehmerzahl belief sich auf zwischen zwanzig und dreißig, darunter eine Dame von der Lokalpresse und dem (ehrenamtlich arbeitenden) OFC-Fanbeauftragten, Matthias Schmidt. Den kenne ich nun auch.
Was passiert nun? Die drei Spieler (der dritte Mann war übrigens dann Jan Washausen) stellten sich gemeinsam den Fragen der Runde, schließlich verteilten sie sich an die Tische und wechselten durch. Allerdings kamen sie zu spät... oder taten sie das überhaupt? Das Publikum musste eine halbe Stunde warten, die Spieler gaben sich nicht schuldbewusst (und gaben auch nicht, wie vorgeschlagen, eine Runde aus) und schließlich stellte sich heraus, dass man einfach zwei verschiedene Zeiten wusste. Der Fehler lag, das erkannte man, beim Verein.
Mit der im Titel stehenden Frage begann darauf die offene Runde und... ach, wie kann ich es zusammenfassen? Führt euch einfach die Situation im Stadion vor Augen: Da gibt es eine Gruppe von Leuten, die rackern und kämpfen, und da gibt es eine Gruppe, die ihnen dabei zusieht und deren Leistung darin besteht, dabei eine Bockwurst und jede Menge Bier zu konsumieren. Was geschieht nun, wenn die zweite Gruppe auf die erste trifft? Natürlich erzählt jene diesen, was sie denn so alles zu tun hätten.
... Ach, die normale gesellschaftliche Situation in Deutschland. Manchmal könnt' ich kotzen. (Die Situation macht sich auch in den Anreden bemerkbar: Die Fans duzen die Spieler. Die Spieler siezen die Fans. Als ich mit "Herr Stein, würden Sie..." anfing, wurde ich schief angeguckt.)
Was kann ich euch nun mitgeben? Es sind drei sehr sympathische Herren. Jener Herr Stein erinnert mich von der Art doch sehr an einen Freund und er hat (anders als die anderen beiden, was zumindest bei Julius Reinhardt bemerkbar ist) das Zeug zum Kapitän, da er für die Mannschaft spricht. So erklärte er, dass am Tag selbst van Lent noch das Training leitete und sie von dessen Rausschmiss vielleicht zehn Minuten vor der Presse erfahren hätten (via Rund-SMS durch Kapitän Sead Mehic). Er erklärte auch, dass es nicht an Spannungen gelegen hätte, da "van Lent ein Trainer sei, wie ihn sich Spieler nur wünschen konnten" (doch bitte bedenkt hier: Marc Stein war Stammspieler und profitierte vom "System van Lent" wie kaum ein anderer. Andere mögen da anderes zu sagen haben.). Der Mannschaft wurde wiederum klar gemacht, dass der Abstiegskampf "nicht nur drohe", sondern bereits Realität sei. Das kommende Pokalspiel wurde angesprochen und doch nichts gesagt. Man konnte einfach über wenig sprechen.
Als sich die Spieler nun über die Tische verteilten (und ich mir drei neue Unterschriften auf meinem Trikot sicherte), wurden die Themen intimer. Ich kann euch nun sagen, wo Jan Washausen (das erste "a" seines Nachnamens wird übrigens kurz gesprochen, auch so ein Thema) nun wohnt und wie sein sehr kurzfristiger Wechsel genau ablief. Von Julius Reinhardt, der scheinbar nicht in Redelaune war (es kam kein echtes Gespräch zustande, und schließlich verbrachte er einen Teil seiner Zeit mit Essen), kann ich wiedergeben, dass der Unterschied des OFCs zu Braunschweig darin besteht, dass dort alle an einem Strang ziehen, und als Marc Stein schließlich den Weg an unseren Tisch fand, musste ich aufbrechen, um die letzte Bahn zu erwischen. Der Mann, der mir ein paar Fragen hätte beantworten können (wie etwa, was nun diese Saison anders läuft als in der letzten), ging mir damit durch die Lappen. Schade eigentlich.
An dem Wochenende sollte das erste Post-van-Lent-Spiel stattfinden (ich glaube, das ist richtiger, als von einem "Hartmann-Spiel" zu sprechen), doch Dortmund sagte witterungsbedingt ab. Nun spielen sie beim Regionalligisten in Eschborn ein Testspiel, von dem ich leider erst seit einer Dreiviertelstunde weiß. Es begann um elf Uhr...
Der Mann des Aschermittwochs
Da haben wir einen neuen Trainer: Rico Schmitt, Ex-Aue. Dazu kommt mit Alexander Conrad ein Co-Trainer aus der Region (Ex-Eschborn, doch noch nicht höher als Regionalliga). Ich hörte mir gerade die Pressekonferenz dazu an und... ach, sind wir ehrlich: Eine halbe Stunde Phrasen. Das Wochenende mit seinem Spiel gegen Saarbrücken wird sicher aussagekräftiger als ein "Hallo, hier bin ich" oder ein "Ich möchte mit weniger mehr erreichen". Lasst mich also noch etwas zu den Verflossenen sagen, solange die Namen noch bekannt sind. Arie van Lent und Manfred Binz waren sicher keine Schlechten, doch sie begingen Fehler - nicht nur, aber halt auch.
Arie van Lent war kein Aufstiegstrainer, eher ein Konkursverwalter. In der letzten Saison führte er die Kickers ziemlich exakt auf den Rang, den sie vom Etat her einnehmen mussten, und diese Saison wäre es ohne den Pokal vielleicht auch gelungen. Seine größte Stärke bestand wohl darin, dass er "Papi für seine Sonntagsschüler" war: Er versuchte alles, um in dem feindlichen Umfeld Offenbach den Druck von seinen Spielern zu nehmen, etwa indem er ihnen Zeit gab und ihnen schwache Spiele verzieh. Dies mochte sich wohl erst einmal positiv auswirken, doch zuletzt rächte es sich, Erbhöfe zu verpachten: Ein riesiges Problem stellten ja in dieser Saison Leistungseinbrüche einzelner Spieler da. Warum sollten sich Spieler denn besonders bemühen, wenn es für sie eh nichts änderte? Und wieso sollte ein Einwechselspieler begeistert sein, wenn er dann nur Chancen auf Positionen bekam, die er eigentlich nicht beherrschen musste? Ich könnte eine Menge Namen aufzählen, doch möchte mich einmal auf ein Beispiel beschränken: Marcel Stadel bekam Ende der letzten Saison plötzlich seine Chance und hängte sich voll rein - er nahm sich das Spiel zu Herzen und litt danach darunter, wenn es der Mannschaft nicht gelang, das entscheidende Tor eben doch noch zu schießen (wohlgemerkt, er ist Innenverteidiger). In dieser Saison? Nichts mehr davon zu spüren. Klar, der Trainer sprach ihm deutlich (durch seine Aufstellungen) sein Misstrauen aus und wenn er nun zum Einsatz kam, dann meist als Außenverteidiger. Klar, dass er sich da fragen wird, warum er um alles in der Welt seinen Vertrag bloß verlängerte.
Inzwischen wirkt die ganze Mannschaft blutleer. Von Maximilian Ahlschwede und Fabian Bäcker lässt sich noch behaupten, dass sie sich reinhängen, aber... wen wundert's? Das sind Bankdrücker.
Die Offenbach-Post schrieb, es liege nun am neuen Trainer, der Mannschaft wieder eine Identität zu verleihen, die sie vermissen ließe, und ich glaube, das ist wahr. Das führt zur Aufstellung, einer anderen van Lent'schen Schwäche. Die Kickers möchten gerne in die zweite Liga zurück und ich denke, man hatte bei der Taktik schon den darauf folgenden Abstiegskampf im Hinterkopf: Ein defensives (doppel-sechsiges) 4-5-1. Es wirkt toll, wenn der Gegner sich überlegen fühlt, an der Defensive zerschellt und sich auskontern lässt (wie gesagt, ich halte die Pokalerfolge für keinen Zufall), es scheitert jedoch, wenn sich der Gegner hinten reinstellt und ebenfalls dicht macht. Damit bekam der OFC Probleme gegen eigentlich schwache Mannschaften (Darmstadt zum Beispiel). Das war letzte Saison genauso, da wurde nach einer Schwächephase auf 4-4-2 umgestellt und dann lief es besser... und diesmal? Van Lent modifizierte es, indem er einen Stürmer im offensiven Mittelfeld spielen ließ, und jagte das nun jedes Spiel nach Schema F durch: Offenbach startete 4-5-1 und öffnete bei Rückstand nach der Pause. Das war ein weiterer Makel: Offenbach wurde damit verdammt berechenbar. Ein einstudiertes zweites System - oder zumindest eine einstudierte Reaktion - hätten hier wohl geholfen. Ich hatte jedoch nicht den Eindruck, dass es die gab.
Was war das jetzt? Blutleer, geistlos und berechenbar. Ja, so könnte man den OFC in letzter Zeit beschreiben.
Bleibt noch Manfred Binz. Ich hatte die Chance, ihm (bei der Tribünen-Eröffnungsfeier) einmal länger zuzuhören. Er ist ein "ganzer Kerl dank Chappi", der mich etwas an meinen eigenen (Jugend-)Fußballtrainer und meinen letzten Sportlehrer erinnerte: Ein Mann, der davon überzeugt ist, dass Jungs nun einmal Jungs sind und sich bewegen müssen. Ich halte ihn für den Kopf hinter dem "Bremer Konzept" der letzten Saison, nach dem charakterlich schwierigen, aber talentierten Spielern die Möglichkeit eingeräumt werden sollte, in Offenbach Fuß zu fassen und ihre Karriere in dem letztlich anspruchslosen Offenbacher Umfeld nach oben zu bringen - ein Konzept, zu dem die beiden Namen gehören: Pascal Testroet und Stefan Hickl. Lasst mich das Ergebnis zusammenfassen: Es scheiterte. Beide Spieler brachten zunächst ihre Leistungen, gerieten jedoch mit dem "Sonntagsschülerpapi" van Lent auseinander, wurden ausgemustert und verließen den Verein vor Ablauf ihres Vertrages. Beides sorgte für Unruhe und im Fall Testroet auch für weiteren Schaden, war er doch einer der wenigen Spieler, für die in den letzten Jahren eine Ablöse gezahlt wurde. Hier bissen sich die Konzepte. Das war schlecht.
Klinge ich erschöpft? Ich bin es. Vermutlich hätte obiger Text zu anderen Zeiten deutlich positiver geklungen. Für Grundprobleme konnte der Trainer nichts: Für zu wenig Geld, für einen ausgedünnten, schlecht bezahlten Kader und für die Unruhe im Verein. Die werden auch die neuen Männer nicht beseitigen können.
Ich hoffe trotzdem auf das Beste.